Ukraine

Die gegenwärtige Geopolitik kreist um die Ukraine. Das Land, das mitten in Europa immer nur am Rand war. Das Land, dem in der internen Arbeitsteilung zweier Großmächte – Nazideutschland und UDSSR – eine Rolle als „Kornkammer“ zugewiesen werden sollte. Das Land, in dem sich vor fast 30 Jahren der
GAU ereignete – als europäische Katastrophe. Die gesteigerte mediale Aufmerksamkeit geht mit einer Schwemme von Bildern einher. Die Krise wird medial ausgebeutet und die Berichterstattung in massenmedialen Formaten kann ihr ideologisches Gepräge kaum verbergen. Die aktuellen Bilder aus der Ukraine sind politische und transportieren, in welche Richtung auch immer, klare Botschaften.

Das wird der Komplexität der Ukraine nicht gerecht. Dort überlappen und überlagern sich nicht nur verschiedene politische Traditionen sondern Zeiten, Geschwindigkeiten und Lebenswelten. Geschichte ist immer – dort besonders – eine Schichtung von verschiedenen Spuren, Einschreib

ungen und Mythen in der Gegenwart. Auch geopolitische Grenzverschiebungen fußen auf dieser Art Schichtung: „‚Die Akte der Grenzziehung‘, die mündlich überlieferten Verträge und Zusammenfassungen werden mit Bruchstücken aus früheren Geschichten verglichen und ‚zusammengeklebt'“ – schreibt de Certeau zum Zusammenhang von Raumpolitik und Mythos. So handfest sich jede neue Grenze manifestiert, sie überdeckt immer eine Mannigfaltigkeit von Geschichten. Geschichte ist so auch Gleichzeitigkeit: Der pferdegepflügte Acker ist direkt neben der
Transitstraße für internationale Logistik!

(Text: Joshua Wicke)

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